Zukunftswoche 2026: Kinderrechte – Lippenbekenntnis oder Leitprinzip?
Kinderrechte stehen in Leitbildern, in Gesetzestexten und in Sonntagsreden. Sie gelten als unstrittig, als selbstverständlich, als gesellschaftlicher Konsens. Doch was passiert, wenn ihre Umsetzung unbequem wird? Wenn sie Zeit, Geld, Energie und vielleicht sogar Macht kostet?
Mit diesen Fragen startete Outlaw am 23. Februar 2026 in die Zukunftswoche. Der erste digitale Beitrag setzte einen nachdenklichen Ton und machte deutlich: Die Frage nach den Kinderrechten ist keine theoretische; sie ist zentral für die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe.
Prof. Dr. Walter Eberlei von der Hochschule Düsseldorf eröffnete die Woche mit seinem Vortrag „Kinderrechte – Lippenbekenntnis oder Leitprinzip?“. Er ordnete das Thema in aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ein und sprach von „stürmischen Zeiten“. Zunehmende soziale Ungleichheit, politische Verschiebungen, wachsende Belastungen für Familien sowie finanzielle Engpässe in Kommunen machen Orientierung erforderlich.
Seine These lautete: „Kinderrechte sind ein Konsensthema - solange sie nichts kosten. Die Kluft zwischen Rechten und Realitäten verlangt konsequentes Einmischen.“
Kinderrechte ernst zu nehmen bedeute mehr, als finanzielle Ressourcen bereitzustellen. Es koste auch gewohnte Sichtweisen, Energie für Veränderungsprozesse und die Bereitschaft, Macht zu teilen. Beteiligung heißt, Kinder und Jugendliche als Subjekte mit eigenen Interessen anzuerkennen und ihnen reale Mitgestaltung zu ermöglichen. Im Zentrum des Vortrags stand das Recht auf Beteiligung, verankert in der UN-Kinderrechtskonvention und im SGB VIII. Prof. Dr. Eberlei zeigte anhand konkreter Beispiele, dass zwischen rechtlichem Anspruch und gelebter Praxis weiterhin eine deutliche Lücke besteht. Fortschritte seien sichtbar, zugleich erschwerten Rahmenbedingungen wie Personalmangel, Zeitdruck oder fest verankerte Haltungen vielerorts echte Partizipation.
„Kinder und Jugendhilfe befinden sich immerzu im Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Wandel“ betont Prof. Dr. Eberlei im Live-Webinar und führt weiter aus: “ Neue fachliche Erkenntnisse, rechtliche Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Herausforderungen erfordern ständige Orientierung und Anpassung“. Zum Abschluss griff er den Gedanken der „nüchternen Zuversicht“ auf: „Zuversicht ist kein beruhigendes Gefühl im Windschatten günstiger Prognosen, sondern ein Charaktermuskel, der trainiert werden muss. Und wie jeder Muskel, geht Training nur mit Widerstand.“
Diese Gedanken hinterließen bei den Teilnehmenden nachhaltigen Eindruck. Klaudia Pacon aus dem Team Personalmarketing/Recruiting beschreibt: „Mich hat besonders beeindruckt, wie Prof. Dr. Eberlei die Themen Kinderrechte und Beteiligung so klar und anschaulich vermittelt hat. Seine Argumente regen dazu an, über die eigene Praxis nachzudenken und die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe aktiv mitzugestalten. Das motiviert, sich mit diesen wichtigen Fragen auseinanderzusetzen.“
Die Aufzeichnung des Webinars ist auch hier auf YouTube verfügbar.

An die Erkenntnisse des Webinars knüpfte der Workshop am Zukunftstag am 27. Februar 2026 im Kreativ-Haus Münster an. Unter der Leitung von Prof. Dr. Walter Eberlei und Nora Schönberg, pädagogische Geschäftsleitung Kita Sachsen/ Kita Berlin bei Outlaw, setzten sich die Teilnehmenden damit auseinander, wie Beteiligung von Kindern und Jugendlichen praktisch umgesetzt werden kann und wo Herausforderungen bestehen.
Zentrale Fragestellungen waren: Welche Chancen eröffnet konsequente Beteiligung und welche Risiken entstehen bei unzureichender Umsetzung? Welche Rahmenbedingungen fördern oder behindern eine kinderrechtebasierte Beteiligungskultur? Und wie könnten Kinderrechte 2036 aussehen?

In Kleingruppen wurden Szenarien des DJHT bearbeitet, Erfahrungen aus der Praxis geteilt und diskutiert, wie Entscheidungsprozesse in Einrichtungen konstruktiv gestaltet werden können. Dabei zeigte sich: Kinderrechte erfordern kontinuierliche Aufmerksamkeit, Teams sollten regelmäßig geschult und Strukturen reflektiert werden, um echte Mitbestimmung zu ermöglichen
Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Walter Eberlei für die klaren Positionen, die anschauliche Vermittlung komplexer Themen und die wertvolle Mitgestaltung der Zukunftswoche-
Zum Referenten:
Prof. Dr. Walter Eberlei ist Professor für Politikwissenschaften am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf und Co-Leiter der Forschungsstelle Menschenrechtspraxis. Der gelernte Journalist war viele Jahre für eine international tätige Kinderrechtsorganisation verantwortlich für Lobby-, Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit. Seine Schwerpunkte sind Jugendhilfepolitik sowie Menschenrechte mit Fokus auf Kinderrechte und Partizipation.